Informationen zu den Inhalten der neuen Studiengänge B.A. und M.A. Europäische Medienwissenschaft
 
 
Medien organisieren Gesellschaften. Das gilt nicht erst für das Industriezeitalter und das postindustrielle Zeitalter der Information. Schon die Reiche und Imperien des Altertums basierten auf medientechnischen Vereinfachungen und Optimierungen der zivilen, religiösen und militärischen Infrastrukturen. Eine ausgesprochene Identifikation medientechnischer Fortschritte mit politisch-kulturellen Umgruppierungen findet aber erst seit der Renaissance und der nachhaltigen Etablierung des Buchdrucks im ausgehenden 15. und gesamten 16. Jahrhundert statt. Hier bewegt sich das zukünftige Europa zum ersten Mal im Licht einer medientechnischen Innovation. Von nun an ist der europäische Kulturraum immer auch ein Raum der Medien im Bewusstsein der künstlerischen und administrativen Eliten. Der Flugschriften-Krieg der Reformation, das Enzyklopädie-Projekt der Aufklärung oder die monumentale Memorial-Architektur der Nationalstaaten sind nur einige der prominentesten Beispiele. Religiöse, ästhetische, technische, politische, militärische oder philosophische Kontroversen und Innovationen haben deshalb seit der Renaissance einen zuerst unterschwelligen und im Folgenden immer deutlicher hervortretenden medientechnischen Index.

Das moderne Europa hat sich konsequent auf dieser Linie weiterentwickelt. Längst hat es seinen Platz und seine Identität als Medienraum auch in den Köpfen seiner Bevölkerungen und Bürger verankert. Politik, Arbeit, Kunst und Technik sind Schlüsselbereiche, deren Verzahnung mit den medialen Bedingungen und Möglichkeiten zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Kompetenzen in diesen vorderhand so verschiedenen Bereichen sind in der Gegenwart immer auch Medienkompetenzen. Hier setzt der B.A.- und M.A.-Studiengang Europäische Medienwissenschaft an. Das fortgeschrittene Stadium der Digitalisierung von Medien und aller kommunikativen Prozesse erreicht nahezu sämtliche Berufsfelder und verleiht ihnen ganz neue Strukturen und Konturen. Erziehung, Management, Kunst, Politik und Verwaltung reorganisieren sich zunehmend nach transnational ausgehandelten Vorgaben und auf der Höhe der neuen Medientechnologien. Längst sind es nicht mehr ausschließlich die so genannten Medienmacher aus den klassischen Zünften und Ressorts (Zeitung, Fernsehen, Rundfunk oder Werbung) der Medienwelt, die sich dieser Wirklichkeit produktiv stellen müssen und wollen, sondern fast alle Berufe der postindustriellen Ära.

Auch die modernen Künste zeigen in immer neuen Erkundungen und Rekonstruktionen medialer Umwelten, wie sich Lebenswelt und Medientechniken verschränken. Ästhetisch-künstlerische Projekte, Provokationen und Erlebnisse werden aus dieser Perspektive immer häufiger als stellvertretende Aufzeichnung und Analyse neuer Räume und extremer Erfahrungen lesbar, die zukünftige Spielräume und Arbeitswelten der Gemeinschaft vorwegnehmen. Der Medienbegriff, den die Europäische Medienwissenschaft hier verwendet, will dieser Perspektive auf einen europäischen Kulturraum als Medienraum gerecht werden. Er umfasst deshalb alle Arten medialer Techniken, Praxen und Strategien, neben den basalen Grundmedien Schrift, Bild, Ton und Zahl auch die technischen Bildmedien wie Fotografie und Film, die modernen Kommunikationsmedien vom Telefon über Mobiles und Internet bis zu interaktiven Medien und komplexen medialen Umgebungen. Besondere Berücksichtigung finden konzeptionelle Gestaltungen mit digitalen Medien, ferner Analysen von Genres und narrativen Ordnungen, schließlich medienästhetische Projektarbeiten, die auf der Analyse und Anwendung spezifisch künstlerischer Verfahren beruhen. Bewusst sollen die Grenzen zwischen Produktions- und Reflexionsebene, Theorie und Praxis, Kunst und Wissenschaft in den Seminaren überschritten werden. Dazu werden experimentell forschende praktische Arbeiten mit hohem Anteil an selbständiger Recherche und Einordnung in die Theorie und Geschichte der Medien und Konzepte durchgeführt. Sie leisten sowohl im B.A.- als auch M.A.-Studiengang innovative Möglichkeiten eines ‚anderen’ Studiums.

Die Vorstellung vom Medienraum Europa leitet einen umfassenden Wechsel der kultur- und technikgeschichtlichen Perspektiven ein. Gleichwohl gibt es schon in Europa Unterschiede, deren Kenntnis ebenso zur Kernkompetenz des expandierenden Berufsfelds Medien gehört. So muss überraschenderweise und entgegen den kulturkritischen Prognosen einer (gleichwohl auch ablaufenden) umfassenden Amerikanisierung der Märkte gerade in der Medienproduktion und im Medienmanagement mehr als bisher auf die politische und kulturelle Verschiedenartigkeit nationaler europäischer Märkte als Vorgaben für die jeweiligen Vorhaben in Produktion und Gestaltung eingegangen werden. Das Bewusstsein für die Geschichtlichkeit und kulturelle Vielschichtigkeit des europäischen Raums ist deshalb weiterhin das Fundament jeder produktiven Betätigung in den Medien. Medienformate und ihre Akzeptanz oder Rezeptionsgewohnheiten und ihre Beeinflussung geben sich keinem pauschal-ahistorischen betriebswirtschaftlichen Kalkül preis. Erst die Zusammenführung eines Bewusstseins für Europa als Kultur-, Rechts- und Medienraum mit den modernen Schlüsselkompetenzen der digitalen Kommunikation ermöglicht eine qualifizierte Arbeit in den verschiedensten Berufsfeldern der Medienbranchen.